Hier wird es notwendigerweise ein wenig biochemisch, wer sich das ersparen und nur die Zusammenfassung lesen will, klickt hier.
Zum vertieften Verständnis der Vorgänge, d.h. zur Beantwortung der Frage "was passiert da eigentlich?", ist die Lektüre aber hilfreich. 


Stoffwechsel bei KH-Ernährung

Bevor wir zum Lowcarb-Stoffwechsel kommen, sollten wir zuerst zuerst den Normal-Stoffwechsel näher unter die Lupe nehmen. Einer mittlerweile überholten Lehrmeinung zur Folge soll es drei unverzichtbare Säulen der Ernährung geben, nämlich

  • Kohlenhydrate
  • Eiweiß (Protein) und
  • Fett.

Das ist, wie gesagt, überholt, leider haben das noch nicht alle mitbekommen, besonders die Mediziner und auch die DGE nicht.

Warum überholt?

Der in der Ernährungsphysiologie hier gerne verwendete Begriff für unverzichtbare Bestandteile der Nahrung ist "essentiell". So gibt es z.B. 9 essentielle Aminosäuren, was bedeutet, dass diese mit der Nahrung zugeführt werden müssen, weil der Körper sie nicht selbst herstellen kann. Essentiell sind auch bestimmte Mineralien und die Vitamine.

Fehlen diese, kommt es nach einiger Zeit zu Stoffwechselstörungen und der Ausbildung von Krankheiten. Bei den Fettsäuren sind Omega 3 und Omega 6 essentiell, auch hier sind die Folgen einer Unterversorgung gravierend.

Aber:  essentielle Kohlenhydrate gibt es nicht! [4]

Es gibt kein "Kohlenhydratmangelsyndrom", wie man es von den essentiellen Nahrungsbestandteilen her kennt. Das ist keine neue Erkenntnis, das ist Lehrbuchwissen, z.B. nachzulesen in H. Kaspers Buch "Ernährungsmedizin und Diätetik". Dennoch anscheinend nicht auszurotten.

Welch "wichtige" Rolle den KH im Stoffwechsel zukommt, zeigen die beiden folgenden Grafiken. Das erste Bild zeigt sehr vereinfacht den Energiesstoffwechsel MIT Kohlenhydraten:  

 

Und diese Grafik zeigt den Energiestoffwechsel OHNE Kohlenhydrate (es genügt, den mittleren Weg zu betrachten):

 

(Darstellung nach einem Vortrag von Eric Westman, Duke-University, NC) 

Der einzige Unterschied: wenn KH vorhanden sind, werden sie auch verarbeitet. Das war's. Wir dürfen daraus aber nicht schliessen, dass Kohlenhydrate im Stoffwechsel vernachlässigbar wären: sie werden nicht gebraucht, müssen aber entsorgt werden. Und das schafft Probleme und Krankheiten.
Dennoch oder besser - leider - sind die KH bei den meisten Menschen Hauptbestandteil der täglichen Nahrung, zumeist sind es mehr als 50%. Wir können davon ausgehen, dass eine Reduktion von ca. 300g - 400 g KH täglich auf weniger als 50g KH den Stoffwechsel massiv beeinflusst, und tatsächlich verursacht diese Reduktion tief greifende Umstellungsprozesse in der Anpassungsphase ("Keto-Adaptation"), siehe hier.


Die Blutzucker-Achterbahn
Die Glukosekonzentration im Blut wird vom Körper sehr fein reguliert, und liegt normalerweise bei knapp 5 mMol/l (= 90mg/100ml) - wenn man ihn nicht dabei stört! Das tut der KH-Esser aber, und zwar gewaltig, mindestens 5 mal am Tag, und genau das ist das Problem!
Die 5 mMol/l entsprechen einer Gesamtmenge von 5,4 g (berechnet mit einem Blutvolumen von 6 litern) Glukose, das ist etwa ein kleiner Teelöffel voll.

Man stelle sich das jetzt einmal vor: wir haben einen kleinen Teelöffel Glukose im Blut und essen jetzt einen Teller Spaghetti, vielleicht 200g. Daraus werden ungefähr 100 g Glukose. Das ist fast die 20fache Menge des Normalwerts, und das verursacht jetzt einen gehörigen Blutzuckeranstieg. Hoher Blutzucker ist aber unerwünscht, um nicht zu sagen toxisch (siehe auch Insulinanstieg). 

Es kommt aber noch viel schlimmer:
Rechnen wir weiter: würde man den Empfehlungen der DGE folgen, und tatsächlich 55% der täglich zugeführten Kalorien in Form von Kohlenhydraten zu sich nehmen, dann kommen wir bei einem Konsum von 3.000 kcal täglich (lt. Statistik sind es in Deutschland sogar knapp 3.600kcal!) auf 1.650 kcal nur aus Kohlenhydraten. Und völlig unabhängig davon, in welcher Form die KH aufgenommen wurden, ob Vollkorn, Zucker oder Weißmehl, am Ende wird aus den aufgenommenen KH unweigerlich Glukose, glykämischer Index hin oder her! (der glykämische Index ist ein Mass für die Höhe des Blutzuckeranstiegs nach KH-Zufuhr und wurde einmal als aussagefähige Grösse angesehen. Manche tun das immer noch.

Glukose hat 390 kcal/100g, daher entsprechen die 1.650kcal aus Kohlenhydraten ziemlich genau 423 g Glukose.

Daher jetzt noch einmal die Aufforderung zu versuchen, sich das vorzustellen: wie oben erwähnt, haben wir normal etwa 5,4g Glukose im Blut. Da kommen jetzt Tag für Tag um die 400g hinzu, die umgehend entsorgt werden müssen, das hat jetzt absolute Priorität. Das ist die 80-fache Menge des Normalwerts. Schon erstaunlich, was wir so wegstecken. Nur auf Dauer geht das bekanntlich nicht bei allen Menschen gut.

Warum ist die Glukose so toxisch?
Glukose reagiert mit den körpereigenen Proteinen (das nennt man auch "Glykosilisierung") und verändert deren Eigenschaften, so dass sie ihre Aufgaben u.U. nicht mehr erfüllen können. Messen kann man das anhand der "Verzuckerung" des Hämoglobins, genannt HbA1c-Wert. Er gibt an, wiviel % des Hämoglobins "verzuckert" wurden und dient beim Diabetiker als Maß für den erhöhten Blutzucker über einen längeren Zeitraum. 

Was passiert mit dieser Menge an Glukose?
Etwa 120 g davon gehen an das Gehirn (in Relation zu seiner Grösse ist das Gehirn der stärkste Glukoseverbraucher), ein weiterer mehr oder weniger grosser Teil wird vielleicht durch Muskelarbeit verbraucht - oder auch nicht!

Wer also viel Sport treibt oder körperlich arbeitet, wird die Glukose schnell entsorgen. Das erklärt auch, dass Sportler mit KH-Ernährung besser zurecht kommen als Couch-Potatoes. 

Was übrig bleibt, wird in Fett verwandelt und landet auf den Hüften.


Insulinanstieg
Dem Blutzuckeranstieg (Hyperglykämie) folgt beim gesunden Menschen eine rasche Ausschüttung von Insulin. Das Insulin hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass zur Senkung der zu hohen Glukosekonzentration diese schnellstens in die Muskelzellen eingeschleust und verbrannt wird (es ist übrigens diese schnelle Insulinreaktion, die beim Diabetiker verloren gegangen ist). Das funktioniert aber nur solange, wie die Muskelzellen auch tatsächlich aktiv sind. Bei wenig Bewegung bleibt nur, den Zucker in Form von Glykogen (das ist die Speicherform von Glukose) einzulagern und was dann noch zu viel ist, wird in Fett umgewandelt (siehe weiter unten).

Gleichzeitig hemmt Insulin die Fettverbrennung(Lipolyse), sowie auch die Proteinzerlegung (Proteolyse), die Ketonbildung und die Gluceoneogenese. Damit wurde der Organismus in den "Vorratsmodus" geschaltet: "Einlagerung ein", "Verbrennung aus".

Wie wir sehen, kommt es also bei KH-Ernährung primär garnicht auf die die darin enthaltenen Kalorien an, sondern darauf, wie der Körper auf die anflutende Glukose zu reagieren hat:  
er muß sie so schnell wie möglich wieder los werden oder unschädlich machen. Das besorgt das Insulin, das gleichzeitig aber auch die Kontrolle über die Fettzellen hat - zusammen mit anderen Hormonen und Proteinen, die aber insulinabhängig sind. 

Und da - wie oben dargelegt - die zu entsorgende Glukosemenge beträchtlich ist, ist auch die meiste Zeit des Tages der Insulinspiegel so hoch, dass die Fettverbrennung sehr gering ist.

Das ist der Kern des Problems der Kohlenhydraternährung in Bezug auf die Gewichtskontrolle!  


Hypoglykämie (Unterzuckerung)
Sehr häufig ist es so, dass die ausgeschüttete Insulinmenge etwas zu groß geraten ist, was ein zu starkes Absinken des Blutzuckers (Hypoglykämie) bewirkt. Das verursacht jetzt eine Art von "Kurzschluss": der zu geringe Blutzucker ruft blutzuckersteigernde Hormone auf den Plan (das sind übrigens die gleichen, die auch Stress auslösen: Adrenalin, Cortisol u.a.). Eigentlich ist das kein Problem, der Glukosemangel könnte jetzt entweder durch Zugriff auf die Glykogenreserven in der Leber oder aber durch einen natürlichen Prozess behoben werden, der den schönen Namen "Gluconeogenese" trägt. Auf Deutsch heißt das nichts anderes als "Glukoseneubildung" (siehe hier). 

Leider ist aber auch immer noch Insulin anwesend, und das führt jetzt zu der Situation, dass die auf permanente Glukosezufuhr angewiesenen Zellen - vor allem das Gehirn - nach Glukose schreien, die aber nicht geliefert werden kann, weil anwesendes Insulin immer noch die Gluconeogenese unterdrückt. Die Folge sind einige körperliche Symptome, wie intensives Hungergefühl, Zittern der Hände und Knie, Schweißausbrüche usw. In den Griff bekommt man diesen Zustand sehr schnell durch KH-Zufuhr... und das obwohl wir doch gerade etwas gegessen haben. Also greifen wir zur Chipstüte oder zum Schokoriegel und fahren Nachschub ein. Tatsächlich wird der aber gar nicht wirklich benötigt: wir haben ja nur einen durch Unterzuckerung aufgetretenen "Scheinhunger".


Was wird aus den zusätzlich zugeführten, überflüssigen Kohlenhydraten?
Nach dem Motto "save it for a rainy day" werden die nicht von den Muskelzellen zur Energiegewinnung verbrannten und auch nicht mehr als Glykogen abspeicherbaren (die Glykogenspeicher fassen nur 300 bis 400 g), also aktuell nicht verwertbaren Kohlenhydrate in der Leber umgewandelt, und zwar in die effektivste Energie-Vorratsform, die die Evolution entwickelt hat: in
Fett![7]. Und interessanterweise auch noch in eine gesättigte Fettsäure, nämlich Palmitinsäure [Irgendwie scheint die Evolution nicht mitbekommen zu haben, dass doch die gesättigten FS die bösen sind...]

Man nennt diesen Prozess Lipogenese, und das so gebildete Fett kann man im Blut als erhöhte Triglyceride (TG) messen und am Ende landet es in den Fettzellen. Die vom Arzt möglicherweise festgestellten hohen Werte für TG haben ihre Ursache im KH-Konsum, und werden nicht, wie leider so oft behauptet wird, durch Nahrungsfette verursacht!

Alles in allem ein metabolisches Desaster!

Hier noch einmal in sieben Bildern zusammengefasst:

 


Stoffwechsel bei Lowcarb-Ernährung
Eine Lowcarb-Ernährung mit weniger als 50g KH/ Tag führt zu
 einer grundlegenden Änderung der primären Energiequelle für Gehirn und Körper. Beim Kohlenhydratesser basiert die gesamte Energieversorgung auf Glukose, wie wir oben gesehen haben. Jetzt wird nur noch wenig Glukose von aussen geliefert, die primäre Energiequelle ist jetzt Fett.

Die verschiedenen Organe haben unterschiedliche Präferenzen, was die Energieversorgung angeht. So mag das Herz z.B. keine Glukose, seine konstante Leistung ist so wichtig, dass auch beim KH-Esser das Herz seine Energie aus Fettsäuren (FS) bezieht (lieber Diesel als Benzin!).

Umstellung auf Fettverbrennung in der Muskulatur
Die Muskeln können beides, die stellen sich jetzt auf Fettverbrennung um (Lipolyse), was kein Problem darstellt, das können die kleinen Kraftwerke in den Zellen, die Mitochondrien, hervorragend. Und hier haben wir jetzt auch den unmittelbar einleuchtenden Grund, warum diese Ernährungsweise zum Gewichtsverlust führen muß: die Fettvorräte wurden ja für bevorstehende Hungerzeiten angesammelt. Das Fehlen der Glukose simuliert quasi diesen Zustand: wenig Glukose = wenig Insulin. Und wenn der Insulinspiegel niedrig ist, stehen die "Tore" der Fettzellen offen. Der Körper kann jetzt ungehindert als auf seine Fettvorräte zugreifen, und das tut er jetzt auch!

Für das Gehirn Ketone und Glukose
Aber was ist mit dem Gehirn: das sei doch
ein glukoseabhängiges Organ, und benötige min. 120 g Glukose pro Tag, sagt man. Das stimmt insofern, als dass das Gehirn tatsächlich mit Fettsäuren nichts anfangen kann.

Aber die Glukose braucht es gar nicht zwingend, es gibt eine hervor-ragende Alternative: das Gehirn kann sehr gut, genau genommen sogar noch viel besser mit Ketonen versorgt werden, Details dazu siehe unter "Physiologische Ketose". Etwa 80 % des Bedarfs kann durch Ketone gedeckt werden. Die restlichen 20 % werden mit Glukose aus verschiedenen Quellen abgedeckt.

Die Glukose wird selbst gemacht

Im Hungerzustand, also ohne externe Zufuhr von Glukose, wird das Gehirn immer noch mit etwa 80g Glukose pro Tag versorgt: 10-11g aus der Glukosesynthese ausgehend von Keton-Körpern, 35- 40 g aus dem Laktat/Pyruvat-Recycling, 20 g aus Glyzerin aus dem Fettabbau und nur noch 15-20 g aus der Gluconeogenese[5]. 

Der Organismus steht jetzt vor der Aufgabe, die gewohnten Prozesse zum Abbau von Glukose herunterzufahren, und die Prozesse zum Fettabbau zu intensivieren. Diese Anpassung wird auch "Keto-Adaptationsphase" genannt.


Die Keto-Adaptationsphase
Immer dann, wenn die Glukosekonzentration im Blut abzusinken droht, z.B. auch schon in der Nacht, wenn keine Nahrung aufgenommen wird, beginnt der Körper die fehlende Glukose u.a. aus Eiweiß selbst herzustellen. Das passiert jetzt auch in der Umstellungsphase zum Low-Carber, wenn die gewohnte Glukose nicht mehr kommt. Eine Dauerlösung ist die Gluconeogenese aber nicht...


Das "Eiweißopfer"
Das Ausgangsmaterial für die Glukoseproduktion ist - wie gesagt - Eiweiß, und zwar vor allem körpereigenes Eiweiß! D.h. es wird Körpersubstanz zur Glukosegewinnung geopfert, und dabei geht dieser Prozess ziemlich rücksichtslos vor: er nimmt dafür gnadenlos alles, was sich gerade so anbietet. Eiweiß aus Muskeln, dem Bindegewebe, der Haut, den Blutgefäßen usw. Es ist klar, dass so etwas nicht lange durchgehalten werden kann, über die Folgen des Eiweißopfers kann man bei Lutz "Leben ohne Brot" (S. 43/44) nachlesen. 
Nur der Vollständigkeit halber: weitere Substrate für die Gluconeogenese sind Aminosäuren (aus der Proteolyse), Laktat (aus der Glykolyse), Glycerin (aus der Fettspaltung), Oxaloacetat.


Physiologische Ketose
In dieser Situation wird ein archaischer Prozess reaktiviert, der ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Metabolismus ist, und der zu der Zeit, als Kohlenhydrate noch kein bedeutender Bestandteil der menschlichen Nahrung waren, auch äusserst wichtig war: die Ketose. Die Ketose erst erlaubte die zuverlässige Energieversorgung des Gehirns und spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und insbesondere der Vergrösserung des Gehirns. Ohne Ketose könnten keine Hungerphasen oder Fasten überlebt werden. Seit der Erfindung des Ackerbaus ist dieser Prozess aber zumeist "abgeschaltet", was die Folge der Aufnahme von Kohlenhydraten ist.

Ketose war der Normalzustand
Zur Zeit des Eiszeitjägers war Ketose dagegen der Normalzustand. Ketose bedeutet die Produktion der sogenannten "Ketonkörper" Acetoacetat und beta-Hydroxybutyrat in der Leber aus Acetyl-CoA, was wiederum aus der Lipolyse, also aus den Fettreserven, stammt. In Anbetracht des hohen Energiebedarfs des Gehirns - es verbraucht täglich etwa 600 kcal! - ist klar, wie wichtig seine stabile, gleichmässige Versorgung ist.

Und genau das können die Ketone! 

Sie können die Glukose als Energiequelle nicht nur weitgehend ersetzen, sondern sind ihr aus verschiedenen Gründen sogar überlegen: 
zum einen ist es der höhere Energieinhalt (100 g Glukose liefern 8,7 kg ATP, 100g ß-Hydroxybutyrat dagegen 10,7 kg ATP [3]), zum anderen und vor allem aber ist es die sehr viel stabilere Versorgung, denn die Ketonkörper stammen letztlich aus der Fettverbrennung(Lipolyse), und die Fettreserven sind nahezu unerschöpflich. 

Der Vorteil ist kaum zu überschätzen: anstelle einer Blutzucker-Achterbahn mit Hyper- und Hypoglykämien haben wir in der Ketose eine gleichförmige, kontinuierliche Versorgung des Nervensystems und des Gehirns mit energiereichen Ketonen, die aus den Fettvorräten stammen! Keine Unterzuckerungen mehr, nur geringe Insulinausschüttungen: direkt angeschlossen an die grossen Fettvorräte bedeutet das jetzt eine sehr stabile, gleichmässige Energieversorgung.

 

Weniger freie Radikale

Darüber hinaus haben die Ketone noch weitere, positive Eigenschaften: 
sie verbrennen "sauber", d.h. sie produzieren weniger freie Radikale (ROS = reactive oygen species), sie produzieren mehr Energie (ATP) als Glukose (siehe auch LC und Sport) und liefern mehr Energieoutput bei geringerem Sauerstoffbedarf.

Die Histone-Deacetylase wird durch Ketone gehemmt

Und eine weitere, sehr interessante und wichtige Eigenschaft der Ketone wurde erst im Dezember 2012 publiziert: die Ketone hemmen die Histone-Deacetylase! Das ist in der Tat sehr interessant, denn Hemmer für HDAC sind zur Zeit Forschungsgegenstand quer durch die Pharmaindustrie für Anwendungen in der Psychiatrie und Neurologie, gegen Depressionen und vor allem gegen Krebs, siehe hier.


Mit Ketonen keine Hypoglykämien
Zum Thema Unterzuckerung, Insulin und Ketone gab es ein faszinierendes Experiment, das vor ein paar Jahrzehnten die Überlegenheit der Ketonversorgung demonstrierte (ein solche Experiment wäre heute natürlich undenkbar, die Ethik-Kommission hätte mit Sicherheit sehr berechtigte Einwände!)[8]:

3 übergewichtige Versuchspersonen wurden für einen Monat auf Nulldiät gesetzt ("total starvation"). Die Ketonkonzentration im Blut lag bei etwa 5 mMol, als man begann, langsam über mehrere Stunden Insulin zu infundieren. Die Blutglukose fiel natürlich ab und erreichte schließlich den Wert, ab dem normalerweise ein Unterzuckerungskoma eintritt, etwa 30 mg/dl (Normalbereich 75 bis 95 mg/dl). Die Probanden fielen aber nicht ins Koma, sondern fühlten sich völlig ok und hatten auch keine Unterzuckerungssymptome! 

Das muß ich wiederholen, sonst wird das überlesen:
sie hatten keine Unterzuckerungssymptome!!

Das sollte eigentlich jeden Diabetiker sehr erfreuen: keine Hypos mehr! Alles was man dafür tun muß, ist die KH-Zufuhr soweit zu reduzieren, dass in der Leber Ketone gebildet werden. Es sind keine Medikamente erforderlich!

Und das ist auch vollkommen logisch, denn wenn die Energieversorgung des Gehirns nicht mehr primär von Glukose abhängig ist, spielt der BZ nur noch eine untergeordnete Rolle.

Man spricht von "Ketose" wenn die Konzentration der Ketonkörper im Blut den Wert von 0,5 mMol/l überschritten hat. Noch einmal: dieser Zustand ist etwas vollkommen natürliches, er war in Zeiten vor der Erfindung des Ackerbaus und damit vor der Kohlenhydratschwemme der Normalzustand.

Insulin inhibiert die Ketose

Die Ketose und auch die Lipolyse werden schon von sehr geringen Mengen Insulin inhibiert, das ist individuell verschieden, und u.a. deswegen gibt es auch keine absolute Grenze für die KH-Zufuhr, die die Ketose stoppt: das liegt irgendwo zwischen 30 und max. 100g KH. Man muß also experimentieren.


Proteinzufuhr
Ich habe es an anderen Stellen bereits erwähnt: Protein ist gut und wichtig, aber ab einer gewissen Menge kontraproduktiv! Das hat verschiedene Gründe, der wichtigste ist, daß etwas über die Hälfte der Aminosäuren aus Protein in Glukose umgewandelt werden! Die Glukose verursacht einen Insulinanstieg, und das wars dann mit der Ketose und der schönen Lipolyse! Der andere Grund ist, dass zuviel aufgenommene Proteine in Fett umgewandelt werden [3]. Selbstverständlich muß genug Protein zugeführt werden, die Menge sollte aber ca. 1,7 g/kg Körpergewicht nicht übersteigen. 


Pathologische Ketoazidose
Es ist eigentlich unglaublich, aber leider eine traurige Tatsache, dass von manchen Fachleuten wie Ärzten und sogar Lehrbuchautoren der Zustand der völlig normalen, physiologischen Ketose mit der pathologischen "Ketoazidose" verwechselt wird. Das ist etwas peinlich, denn die Zusammenhänge kennt man seit 1966[6] und von daher sollte den Fachleuten der Unterschied geläufig sein.

Zur Erläuterung des Unterschieds
Die Ketoazidose ist ein lebensbedrohlicher Zustand, in den insulinabhängige Diabetiker, typischerweise Typ I-Diabetiker, geraten können, wenn die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr produziert und ein lang andauernder Insulinmangel vorliegt. Es kommt dann zu übermässigem Fettabbau in der Leber - das diesen Prozess normalerweise hemmende Insulin fehlt eben - und es entstehen die genannten Ketonkörper Acetoacetat und beta-Hydroxybutyrat in min. 10 fach höherer Konzentration als bei einer physiologischen Ketose, vergleichsweise der Unterschied wie zwischen einem leichten Landregen und einem Wolkenbruch!
Wir merken uns:
die physiologische Ketose und die Ketoazidose sind zwei sehr unterschiedliche metabolische Zustände, die nicht verwechselt werden dürfen!


Zusammenfassung
Während der Umstellungsphase beim Übergang von einer KH- zu einer LC-Ernährung wird die glukosebasierende und damit instabile Energieversorgung glukoseabhängiger Gewebe und Organe vorübergehend durch die Gluconeogenese und anschließend durch die wesentlich stabilere Versorgung mit energiereichen Ketonkörpern ersetzt. Nach Abschluss dieser Phase ist der Übergang vom "Zuckerverbrenner" zum "Fettverbrenner" geschafft.


Literatur:

1. Dr. Wolfgang Lutz: "Leben ohne Brot",
Systemed-Verlag, 15. Auflage 2004

2. Dr. Jeff Volek und Dr. Stephen Phinney: "The Art and Science of Low Carbohydrate Living", Beyond Obesity LLC, 2011

3. J.G. Salway "Metabolism at a Glance", 3rd Edition,
Blackwell Publishing 2004

4. Dr. E.C. Westman, "Is dietary carbohydrate essential for human nutrition?", Am. J. Clin. Nutr. 2002;75:951-954

5. George F. Cahill,  Jr., Department of Medicine, Harvard Medical School, "Fuel Metabolism in Starvation", Annu. Rev. Nutr. 2006.26:1-22.

6. Krebs HA., "The regulation of the release of ketone bodies by the liver", Adv Enzyme Regul 1966; 4: 339–354.

7. Parks, E.J.: "Changes in fat synthesis influenced by dietary macronutrient content", Proceedings of the Nutrition Society (2002), 61, 281-286

8. Cahill et al: "Alternate fuel utilization by brain". In: Cerebral Metabolism and Neural Function. Passonneau JV, et al, Eds. Williams & Wilkins, Baltimore, 1980, pp. 234-42

 

 

Kommentare   

0 # Wega 2016-07-22 15:16
Grosses Lob - sehr sehr gut verständlich erklärt!
Diese Seiten kann und werde ich jedem wärmstens empfehlen, der sich gesund und artgerecht :O)
ernähren möchte.
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0 # Joerg 2017-01-29 17:21
Hallo ich ernähre mich weitestgehend LC nur am Wochenende gönne ich mir mal Brötchen.
Meine Vermutung ist das ich nie richtig in Ketose komme
aber in meinem Körper oft eine Glukoneogenese stattfindet.
Das würde doch stark meine Muskelmasse beanspruchen.
Sehe ich das richtig.
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0 # Jürgen Wildhardt 2017-01-29 22:06
Hallo Jörg,
die erhöhte Gluconeogenese findet nur in der Adaptationsphas e statt. Danach ist sie deutlich geringer als zu Kohlenhydratzei ten, der Muskelerhalt in und nach traningsarmen Zeiten ist wesentlich besser - konsequentes LCHF vorausgesetzt..

VG
Jürgen
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